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„NATURDORF” - PROJEKT



Respekt vor der Natur

Es ist an der Zeit, dass wir uns bewusst machen, dass wir nicht getrennt von der Natur in einer Seifenblase leben, sondern dass der Mensch und die Natur eine untrennbare Einheit bilden. Als Teil der Natur sind wir von ihr abhängig und stehen in einer wechselseitigen Beziehung zu ihr. Wir benötigen die Natur mit ihren verschiedenen Bereichen und auch wir haben unsere Aufgabe und unseren Sinn innerhalb der Natur, den wir uns bewusst machen müssen.

Langsam wird klar, dass wir auf einen ökologischen Kollaps zusteuern, der seine Ursache darin hat, dass wir uns von der Natur getrennt sehen und meinen sie ausbeuten und unbegrenzt für „unsere Zwecke” nutzen zu können. Die Grenzen werden jedoch immer offensichtlicher.

„Die globale Größe dieser Umweltprobleme gefährdet jetzt die Integrität und das Funktionieren der gesamten Biosphäre: die dünne Schicht Boden, Wasser und Luft, welche die Erde umgibt, in der alles Leben natürlicherweise existiert. Die Notwendigkeit des Schutzes und der nachhaltigen Nutzung (innerhalb der Grenzen ihrer Regenerationsfähigkeit) der Natur und der natürlichen Ressourcen sollte deswegen keine weitere Erklärung erfordern; der Mensch ist ein integraler Teil der Biosphäre, die unser einziges Lebenserhaltungssystem in einer ansonsten feindlichen kosmischen Umgebung darstellt. Durch die Gefährdung ihrer Unversehrtheit und ihres Funktionierens beeinträchtigen wir nicht nur ernsthaft die Qualität menschlichen (und anderen) Lebens, es ist sogar möglich, dass wir die gesamte Existenz des Lebens auf der Erde bedrohen.”

Rudolf S. de Groot (1992)
(niederländischer Ökologe)


Um diesen schnell fortschreitenden Prozess der Zerstörung aufzuhalten ist es unerlässlich, dass der Mensch sein Verhalten und seine Denkweise ändert und die Natur in sein Weltbild integriert. Die Erde ist nicht unser Privatbesitz, sondern wir sind, wie alle anderen Lebewesen auch, Teil des Lebensraumes Erde. Die Erde ist eine Ganzheit, die niemandem gehört und wir haben nicht das Recht, sie unter uns aufzuteilen. In diesem Zusammenhang sollten wir uns fragen, inwieweit die Entwicklung in der jüngsten Geschichte vielleicht eine Fehlentwicklung war und ob es nicht an der Zeit ist einen anderen Weg einzuschlagen. Unser Ziel kann nicht länger wirtschaftliches Wachstum und Kapitalanhäufung auf Kosten der Natur sein. Dies ist eindeutig eine Sackgasse. Wir müssen unsere modernen technischen Errungenschaften darauf prüfen, ob und inwieweit sie uns helfen, in menschlicher Weise im Einklang mit der Natur zu leben und nicht darauf, ob sie uns helfen möglichst viel Kapital anzuhäufen.

Wo ist nun unser Platz, unser Zweck innerhalb der Natur?

Der Mensch ist ein hochentwickeltes geistiges und spirituelles Wesen, und statt unsere Energie mit Geld- und Kapitalanhäufung zu verschwenden, sollten wir besser an unserer geistigen und spirituellen Entwicklung arbeiten und unseren Platz im Gesamtsystem der Natur finden.

Wir müssen wieder lernen der Natur, Mutter Erde mit Respekt zu begegnen und ihr zuzuhören. Wir können viel von ihr lernen. Wie wir in Harmonie miteinander und mit der Erde leben können, ohne sie immer weiter auszubeuten.

Bedeutet Glück nicht, in Harmonie mit dem Universum zu leben, anstatt materielle Güter anzuhäufen?



Entwicklung einer natürlichen Lebensweise

Wie können wir nun eine natürliche Lebensweise entwickeln, welche die Trennung zwischen Mensch und Natur aufhebt?

Natürliche Lebensweise bedeutet eine Lebensweise, die sich harmonisch und mit Respekt vor der Natur in den natürlichen Lebensraum einfügt, ohne das natürliche Gleichgewicht ausser Balance zu bringen. Ausserdem muss sie der menschlichen Natur entsprechen und seiner Rolle im Gesamtsystem der Natur gerecht werden.

Um eine natürliche Lebensweise zu entwickeln muss also zuerst der Kontakt zwischen den Menschen und ihrer natürlichen Umgebung wiederhergestellt werden. Wir müssen wieder lernen unsere Umgebung zu beobachten, der Natur zuzuhören, ihre Bedürfnisse zu erspüren und unser Handeln in Respekt und Liebe zur Natur danach auszurichten. Um die Klarheit und Offenheit zu erlangen, der Natur zuzuhören und sie verstehen zu können, ist es notwendig, erstmal auf jede Art von moderner Technologie, auf Konsumgüter sowie auf Genuss- und Rauschmittel zu verzichten, welche uns den direkten Kontakt mit der Natur erschweren.

Nun ist es wichtig herauszufinden, welche sozialen und ökonomischen Strukturen am ehesten einer natürlichen Lebensweise entsprechen und welche Rolle Spiritualität dabei spielt. Es wäre sinnvoll sich dabei an Stammesstrukturen indigener Völker, die noch im Einklang mit der Natur leben, zu orientieren und sie auf unsere Verhältnisse und unsere Kultur zu übertragen. Diese Stammesstrukturen haben sich über einen langen Zeitraum durch ein Leben im Einklang mit der Natur entwickelt und stellen eine wertvolle Hilfe bei der Entwicklung einer "neuen" natürlichen Lebensweise da.

Dabei sollten wir uns auch bewusst machen, welche globalen Auswirkungen die Verbreitung einer natürlichen Lebensweise haben kann, auch wenn sie wohl immer regional und dezentral umgesetzt wird.

Nun ist es notwendig einen Platz zu finden, wo eine natürliche Lebensweise entwickelt werden kann. Dieser Platz sollte ein intaktes Ökosystem mit einem stabilen ökologischen Gleichgewicht besitzen und die Kapazität haben, einer bestimmten Anzahl Menschen ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen. Dabei sind Qualität und Quantität von Trinkwasser, Nutzland, Baumaterialien wie Lehm und Holz, essbare Pflanzen, Heilpflanzen, Brennholz usw. zu beachten. Es ist wichtig, dass Menge und Qualität der Primärgüter und Anzahl und Verhalten der Bewohner in einem Verhältnis stehen, welches das natürliche Gleichgewicht nicht gefährdet.

Solch ein Platz würde uns die Möglichkeit geben, an einer natürlichen Lebensweise zu arbeiten und Antworten auf viele Fragen zu finden, die sich in diesem Zusammenhang stellen, zum Beispiel:



Konsequenzen einer natürlichen Lebensweise für die verschiedenen Lebensbereiche

Was sind nun konkrete Konsequenzen einer natürlichen Lebensweise in den verschiedenen Lebensbereichen?

In der Landwirtschaft können wir uns direkt an der Natur orientieren. In der Natur wachsen eine Vielfalt von verschiedenen Pflanzen harmonisch miteinander, ohne das der Mensch durch Pflügen, Düngen, Chemie oder auf andere Weise eingreift. Dies können wir auch auf den Anbau von Nutzpflanzen übertragen. Zum Beispiel die Anbaumethode, die von MaSanobu Fukuoka seit 50 Jahren in Japan und mittlerweile in der ganzen Welt entwickelt wird ("Natural Farming" genannt), arbeitet eben ohne Pflügen, Düngen und den Einsatz von Chemie, wobei die verschiedenen Nutzpflanzen in einem natürlichen Gefüge miteinander wachsen, in das so wenig wie möglich eingegriffen und das nur soviel wie nötig gelenkt wird. Es wird dabei ein selbsterhaltendes Ökosystem geschaffen, welches den Menschen ernähren kann. Diese Methode hat nach einem Zeitraum von einigen Jahren Erträge erzielt, die der konventionellen Landwirtschaft vergleichbar sind oder sie sogar übertreffen ohne dabei den Boden auszulaugen und die Erde aufzureissen.

Im Bereich Bau müssen wir herausfinden, welche Bauweise am ehesten der Natur des Menschen entspricht und sich dabei harmonisch in den natürlichen Lebensraum integriert. Es ist notwendig natürliche und möglichst lokale Baumaterialien zu verwenden, die sich wieder in den natürlichen Kreislauf einfügen können und keine Sondermüllbelastung verursachen.

Im Bereich Handwerk ist es wichtig zu sehen, welche Fertigkeiten für eine natürliche Lebensweise sinnvoll sind und wie sie im Einklang mit der Natur praktiziert werden können.

Im Bereich Pädagogik/Erziehung ist der Respekt vor der Natur des Kindes/Menschen, der Objekt der Pädagogik ist, und das Erlernen des Respekts vor der natürlichen Umgebung wesentlich. Dazu gehört auch das Weitergeben von Wissen über die Kräfte und Eigenheiten der Natur, wie z.B. die Heilkräfte von Pflanzen und die Lebensweise von Tieren.

Im Bereich Heilwesen müssen wir Heilmethoden finden, welche die Natur der Krankheit erkennen, den ganzen Menschen heilen und seine Selbstheilungskräfte stärken und nicht einzelne Symptome bekämpfen.

Ähnliche Lösungen müssen wir in allen Lebensbereichen entwickeln.



Das "Naturdorf"

Wie kann nun in der Praxis ein "Naturdorf" aussehen, indem wir eine natürliche Lebensweise entwickeln und nach ihr leben wollen?

Für die Entwicklung einer natürlichen Lebensweise ist es wichtig, die verschiedenen Lebensbereiche des Menschen miteinzubeziehen. Das Leben des Menschen teilt sich auf in einen gemeinschaftlichen Bereich (z.B. die Dorfgemeinschaft), einen familiären Bereich und einen persönlichen, individuellen Bereich. Wenden wir uns hier hauptsächlich der Dorfgemeinschaft zu, da sie für eine Dorfgründung entscheidend ist.

Die Dorfgemeinschaft hat verschiedene Aufgaben, z.B.:

Um diesen Aufgaben gerecht zu werden ist es wichtig bestimmte soziale, ökonomische, politische und spirituelle Strukturen zu entwickeln. Diese können sich z.B. an den Stammesstrukturen  indigener Völker, die noch im Einklang mit der Natur leben, orientieren.

Eine grundlegende Struktur, die uns hilft, ganzheitlich zu arbeiten ist der Kreis. In vielen uns bekannten Stammesstrukturen spielt er eine wichtige Rolle. Das Schaffen von Kreisen erlaubt es uns, unsere einzelnen Energien zu einer gemeinsamen Energie zu verbinden – im Gegensatz zu der in unserer Zeit allgemein üblichen Konfrontations- und Konkurrenzsituation, bei der eine Seite immer der Verlierer ist und am meisten Mutter Erde zu leiden hat. Der Kreis kann bei der Entscheidungsfindung, dem Lösen von Konflikten, gemeinsamen Treffen (z.B. Mahlzeiten), Form von Wohnstätten, Anordnung der Wohnstätten zueinander, u.v.m. eine Rolle spielen. Bei der Entscheidungsfindung kann das zum Beispiel so aussehen, dass alle Beteiligten ihre Energien verbinden, indem sie sich an den Händen fassen und dann in einen Kreis setzen. Jeder kommt der Reihe nach zu Wort was z.B. mit Hilfe eines Redestocks („talking stick”) erleichtert werden kann, den derjenige in der Hand hält, der spricht, während die anderen schweigen. Dabei ist es wichtig, dass der einzelne nicht primär seine persönlichen Interessen im Kopf hat, sondern versucht, das Interesse der ganzen Gruppe, und des Ganzen im Herzen zu erspüren.

Der Entscheidungsprozess ist abgeschlossen, wenn eine Lösung gefunden wurde, die alle Beteiligten akzeptieren (Konsens).

Weitere Möglichkeiten, die Struktur des Kreises zu Nutzen werden sich in der Praxis finden.

Durch das Zusammenleben miteinander entwickeln sich bestimmte gemeinschaftliche Grundsätze und durch das Zusammenleben mit der Natur bestimmte Grundsätze, die den Respekt vor der Natur ausdrücken. Dies kann z.B. der Verzicht auf moderne Technik (wie Strom, Verbrennungsmotoren, Elektronik), Chemie, Konsumgüter, Genussmittel, Verzehr von Fleisch, Tierhaltung (vor allem die Haltung von Hunden und anderen Beutegreifern, da sie einen deutlichen Eingriff in ein Ökosystem darstellt und Tiere als Nahrung getötet werden müssen), o.ä. sein.

Dabei ist immer wichtig, den Respekt vor der Verschiedenheit der Menschen und ihrer individuellen Natur zu bewahren, was sich z. B. in dem Respekt vor der Privatsphäre sowie in einer Vielfalt der Spiritualität und des Glaubens ausdrücken kann. Wir müssen versuchen den Konflikt zwischen gemeinschaftlichen Regeln bzw. Regeln einer natürlichen Lebensweise auf der einen Seite und der individuellen Freiheit auf der anderen zu lösen oder zumindest zu entschärfen.

Innerhalb der Dorfgemeinschaft dieses "Naturdorfes" können wir nun anfangen eine Lebensweise zu entwickeln, die sich an den genannten Kriterien orientiert. Dabei muss sich jeder Einzelne der Bedeutung einer natürlichen Lebensweise bewusst werden und Verantwortung für sein Handeln übernehmen.

Dabei soll sich das Naturdorf in seinen Lebensraum integrieren, ohne dessen natürliches Gleichgewicht zu stören. Wir müssen die Grenzen erkennen und respektieren, wo die Belastbarkeit eines Ökosystems überschritten wird. Diese Grenze kann z.B. durch das Verhältnis der Landgröße zu der Anzahl der Bewohner bestimmt sein.

Wenn wir eine natürliche Lebensweise entwickeln ist es auch wichtig Formen zu finden, wie wir unsere Erfahrungen und das erworbene Wissen weitergeben können (Workshops, Seminare, Treffen etc.). Dabei müssen wir untersuchen, inwieweit die von uns entwickelte Lebensweise auf andere Verhältnisse übertragen werden kann, welche ihrer Aspekte allgemeingültig sind und welche Aspekte den jeweiligen Verhältnissen angepasst werden können bzw. müssen.



Hulskie - Konkrete Situation

Wir haben einen Platz in den Bieszczady-Bergen (Waldkarpaten) in Südostpolen gefunden, wo wir das "Naturdorf"-Projekt in die Praxis umsetzen wollen: das Hulskie-Tal. Es handelt sich um ein kleines Tal an dem Bergbach Hulski, welches im Landschaftsschutzpark San-Tal und etwa 2 km entfernt vom Bieszczady-Nationalpark liegt. Bis nach dem 2. Weltkrieg befand sich dort ein kleines Dorf, welches (wie fast alle Dörfer in der Gegend) durch UPA-Aktivitäten und die "Akcja Wisła" vernichtet wurde.

Der Boden ist lehmig mit einem vielfältigen Pflanzenwuchs. Die Wasserqualität ist sehr gut, das Wasser aus dem Bach ist trinkbar. Teile des Tales sind bewaldet aber der Großteil ist Weideland. Es ist eine sehr wilde Gegend, in der noch viele wilde Tiere, wie Hirsche, Wölfe, Bären, Luchse, Kreuzottern, Adler, Schwarzstorche, Raben u.v.m. leben. In Flussnähe, wo sich früher das Dorf befand, findet man noch Obstbäume (Äpfel, Birnen, Pflaumen, Kirschen). Ausserdem gibt es an essbaren Pflanzen Schlehen, Hagebutten, Him-, Brom- und Stachelbeeren, Haselbüsche, Meerrettich, Bärlauch, Oregano und viele Heilkräuter. An Bäumen wachsen vor allem Erlen, Eschen und Bergahorn, ausserdem einige Birken, Linden und Nadelbäume. Der umgebende Wald ist ein Buchenmischwald. Das Klima ist kontinental mit kalten Wintern und warmen Sommern. Die Vegetationsperiode beträgt etwa 7 Monate (von Ende März bis Ende Oktober).

Wir haben dort ein etwa 30 ha großes Grundstück erworben.

Um unser Naturdorf-Projekt zu verwirklichen haben wir eine polnische Stiftung mit dem Namen „Fundacja Plemię Sanu” („San-Tribe Foundation”) gegründet. Eine Stiftung, die als Ziel den Schutz des Landes hat, ist die Rechtsform, die am ehestem der Tatsache Ausdruck verleiht, das die Erde kein Privatbesitz ist. Die „Fundacja Plemię Sanu” hat die Aufgabe das Land zu verwalten und das Naturdorf-Projekt zu realisieren und zu führen. Die Tätigkeit der Stiftung ist allerdings nicht auf Hulskie beschränkt, sondern kann an anderen Plätzen weitere „Naturdörfer” gründen und auch Land in unberührtem, natürlichem Zustand erwerben mit dem Ziel seinen natürlichen Lebensraum zu erhalten und zu schützen. Ausserdem kann die Stiftung Workshops und Treffen organisieren um Erfahrung und Wissen weiterzugeben und auszutauschen. Weiterhin hat die Stiftung die Aufgabe die notwendigen Geldmittel zu organisieren und Sponsoren zu finden. Das Entscheidungsorgan der Stiftung ist der Vorstand, der ihre Tätigkeit leitet und sie nach aussen repräsentiert. Der Vorstand trifft sämtliche Entscheidungen, welche die Stiftung betreffen, wobei Einstimmigkeit erforderlich ist. Der Vorstand sollte sich aus sämtlichen dauerhaften Bewohnern des "Naturdorfes" zusammensetzen.

Die Verwirklichung des "Naturdorf"-Projektes wäre ein Schritt in Richtung Beendung der Ausbeutung der Natur und vielleicht der Anfang einer neuen Freundschaft zwischen Mensch und Mutter Erde.